Grafik eines Mannes, der aus einem Fenster auf Zelte schaut.

Wer sind die Rückkehrenden?

Warum sind Personen einst in die Kampfgebiete des „IS“ gereist? Welche Erfahrungen haben sie dort gemacht? Und aus welchen Gründen kehren sie nach Deutschland zurück?

Ab 2011 sind mehr als 1.150 Personen aus Deutschland mit islamistischer Motivation nach Syrien und in den Irak gereist (Verfassungsschutzbericht 2021, PDF, 5,8 MB), etwa 280 davon aus Nordrhein-Westfalen. Von den Ausreisenden aus Nordrhein-Westfalen sind circa 90 wieder zurückgekehrt. Auch nach der militärischen Verdrängung des sogenannten „Islamischen Staates“ erhält der Umgang mit den Rückkehrenden viel Aufmerksamkeit.

Ein Grund dafür ist die mögliche Gefahr, die von den Rückkehrenden aus den Kampfgebieten ausgeht. Denn viele haben eine militärische Ausbildung oder Erfahrungen mit Waffen und Gewalt. Und niemand kann mit Sicherheit sagen, ob sich ehemalige „IS“-Mitglieder tatsächlich von der Ideologie der Gruppe losgesagt haben. Ebenfalls viel Aufmerksamkeit gilt den Kindern der Rückkehrenden, die durch ihre Erfahrungen unter der „IS“-Herrschaft und in Gefangenenlagern oftmals traumatisiert sind. Wie können sie in ein normales Leben zurückfinden? Und: Könnten sie womöglich selbst zu Terroristinnen und Terroristen heranwachsen?

Ob von Rückkehrenden und ihren Kindern eine Gefahr ausgeht, lässt sich nicht pauschal beantworten. Denn zu sehr unterscheiden sich die Motive für die Ausreise, die Erlebnisse im „IS“-Gebiet und die Beweggründe für die Rückkehr. Die zentrale Herausforderung beim Umgang mit den Rückkehrenden besteht darin, mögliche Risiken ernst zu nehmen, aber dabei zu differenzieren und ausgewogen zu handeln.

Zahlen und Begriffe Worum geht es?

Die Rückkehrenden sind eine heterogene Gruppe. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ursprünglich aus Deutschland nach Syrien oder in den Irak ausgereist sind, um sich dem „Islamischen Staat“ anzuschließen. Anschließend sind sie wieder nach Deutschland zurückgekehrt beziehungsweise wollen zurückkehren.

Insgesamt sind seit 2012 etwa 280 Personen aus Nordrhein-Westfalen ausgereist, von denen bisher circa 90 wieder zurückgekehrt sind (Stand März 2022). Deutschlandweit wurden mehr als 1.150 Ausreisen gezählt (Stand Juni 2020), darunter circa 25 Prozent Frauen. Mehr als 80 der Ausreisenden aus Nordrhein-Westfalen sind verstorben. Etwa 110 halten sich noch im Ausland auf und könnten potenziell zurückkehren. Die Hälfte befindet sich in Camps und Haftanstalten in Syrien, im Irak oder in der Türkei.

Hintergrund Die Entwicklung des "Islamischen Staates"

  • 2003: Beginn des Irak-Kriegs. Nach der Invasion durch die USA und Verbündete brechen gewalttätige Konflikte zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Irak aus. Sunnitische Aufständische verbünden sich mit dem Terrornetzwerk al-Qaida und bezeichnen sich als „al-Qaida im Irak“.
  • 2006: „Al-Qaida im Irak“ schließt sich mit weiteren Gruppen zusammen und nennt sich nun „Islamischer Staat im Irak“ (ISI).
  • 2009/2010: „ISI“ ist zeitweise in der Defensive. Doch die schiitische Regierung im Irak unterdrückt die sunnitische Opposition und verprellt loyale sunnitische Milizen. Das ermöglicht ein Comeback von „ISI“.
  • 2011: Der Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien und der Abzug der US-Truppen aus dem Irak erleichtern den Aufstieg dschihadistischer Gruppen.  
  • Seit 2011: Personen aus Deutschland reisen mit islamistischer Motivation Richtung Syrien und Irak aus.
  • 2012-2013: Zehntausende ausländische Kämpfer schließen sich dschihadistischen Gruppen in Syrien und im Irak an.
  • 2013: „ISI“-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi ruft den „Islamischen Staat im Irak und in Syrien“ (ISIS) aus.
  • 2014: „ISIS“ nimmt große Gebiete im Irak ein, darunter die Großstadt Mossul.
  • Juni 2014: Al-Baghdadi erklärt sich zum „Kalifen aller Muslime“. Seine Organisation nennt sich nun "Islamischer Staat" (IS).
  • Dezember 2015: Der Höhepunkt der Ausreisen aus Deutschland ist überschritten.
  • Ende 2017: Der „IS“ wird militärisch besiegt, seine Herrschaft bricht zusammen. Die letzten vom „IS“ beherrschten Gebiete fallen im März 2019. Fachleute erwarten, dass die Gruppe weiterhin im Untergrund aktiv sein wird.
  • 2021: Neue Ausreisen Richtung Syrien und Irak werden nur noch selten festgestellt. Im gesamten Jahr waren es zehn Ausreisen beziehungsweise Ausreiseversuche.

Motive Wer sind die Rückkehrenden?

Auch wenn sich die einzelnen Fälle sehr unterscheiden können, gibt es typische Merkmale. Eine statistische Auswertung von knapp 800 Ausreisen durch das Bundeskriminalamt ergab 2016, dass überwiegend junge Männer ins „IS“-Gebiet reisten, darunter 81 Prozent mit Migrationshintergrund. Zwei Drittel der Ausgereisten, zu denen dem BKA durch die Auswertung Erkenntnisse vorlagen, waren bereits in Deutschland polizeilich bekannt. Laut aktuellen Daten des Verfassungsschutzes waren mehr als ein Viertel der Ausreisenden Frauen.

Fachleute nennen mehrere typische Motivationen für eine Reise in die Kampfgebiete. Demnach zählten zu den Ausreisenden ideologisch Überzeugte, aber auch Abenteurer, Mitläufer sowie „Neu- und Wiedergeborene“, die Fehler ihrer Vergangenheit abbüßen wollten. Hinzu kommen diejenigen, denen es gezielt um Gewaltausübung ging. Zu möglichen Motiven zählt auch, die Umma (Gemeinschaft der Muslime) zu verteidigen oder im „Kalifat“ nach den Regeln des „wahren Islam“ leben zu wollen. Viele, die bereits in den Jahren 2013/2014 zurückkehrten, gaben an, dass sie in Syrien und im Irak humanitäre Hilfe leisten wollten – dass die Realität unter der Herrschaft des „IS“ jedoch im völligen Gegensatz zu ihren Erwartungen stand.

Dass sich auch Frauen dem „IS“ angeschlossen haben, erscheint zunächst widersinnig, da dessen Ideologie Frauen systematisch benachteiligt und entrechtet. Laut Fachleuten aus der Deradikalisierungsarbeit stehen sie den Männern in Bezug auf die Ideologie allerdings in nichts nach. Ihre Rolle wird demnach oft unterschätzt. Frauen wirken zumeist im Hintergrund und spielen eine wichtige Rolle unter anderem bei der Vernetzung und Spendensammlung. Die Motive von Frauen, sich dem „IS“ anzuschließen, sind so vielfältig wie die der Männer. Zudem können die strengen Regeln und die Geschlechterrollen auch Orientierung und Sicherheit vermitteln. Insbesondere für Frauen aus muslimischen Elternhäusern kann es sogar eine Form von „Empowerment“ sein, sich für eine strengere Interpretation des Islam zu entscheiden.

Heute sind viele der Rückkehrenden desillusioniert, viele auch traumatisiert. Einige vertreten dennoch weiterhin die Ideologie des „IS“. Ein großer Teil der Rückkehrenden sind Minderjährige. Darunter Kinder, die von ihren Eltern bei der Ausreise mitgenommen wurden und die zu Jugendlichen herangewachsen und möglicherweise ebenfalls radikalisiert sind. Darüber hinaus gibt es jüngere Kinder, die nach der Ausreise geboren wurden – teilweise auch erst nach der Niederlage des „IS“ in Gefangenenlagern in der Region. Manche der Kinder sind durch Krieg oder den Verlust ihrer Angehörigen traumatisiert.

Ausblick Wie geht es weiter mit den Rückkehrenden?

Die Wiedereingliederung der Rückkehrenden in die Gesellschaft und die juristische Aufbereitung brauchen Zeit. Zudem sind noch nicht alle ausgereisten Personen wieder in Deutschland. Weil die Fälle unterschiedlich sind, müssen sie jeweils individuell beurteilt werden. Damit beschäftigt sich eine Vielzahl von Akteuren. Sie werden in Nordrhein-Westfalen durch eine zentrale Stelle koordiniert (Rückkehrkoordination, RKK).  

Zum einen soll verhindert werden, dass aus den Familien der Rückkehrenden eine neue extremistisch-islamistische Generation heranwächst. Zum anderen geht es um Deradikalisierung und gesellschaftliche Reintegration. Dazu zählt zum Beispiel die Eingliederung in Sozialsysteme – bei Kindern und Jugendlichen auch die Arbeit mit dem Umfeld, zum Beispiel in Schulen und Kitas.

Auch aus Sicht der extremistisch-islamistischen Szene spielen die Rückkehrenden weiterhin eine Rolle. So wird um Unterstützung für gefangen gehaltene „IS“-Unterstützer geworben und es werden Spenden für diesen Zweck gesammelt.