Grafik einer Menschenmenge

Wie kann Wiedereingliederung gelingen?

Bei der Wiedereingliederung setzt Nordrhein-Westfalen auf ein ganzheitliches Konzept. Es beruht auf der Erkenntnis, dass die Betroffenen selbst aus der islamistischen Szene aussteigen wollen müssen. Zur Unterstützung gibt es zahlreiche Angebote im Land.

Ziel beim Umgang mit „IS“-Rückkehrenden ist die Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Denn viele von ihnen sind traumatisiert, einige hängen weiterhin der Ideologie des „IS“ an. Aus Sicht der Gesellschaft ist dies eine Belastung sowie ein Sicherheitsrisiko. Die Gefahr wäre besonders hoch, würden die Rückkehrenden sich selbst überlassen.

Wegen der großen Unterschiede zwischen den Fällen kann auch der Weg zur Wiedereingliederung sehr unterschiedlich sein.  Nordrhein-Westfalen setzt – wie generell in der Präventionsarbeit – beim Umgang mit Rückkehrenden auf ein ganzheitliches Handlungskonzept. Es fußt auf der Erkenntnis, dass extremistisch-islamistische Ideologien nicht nur durch repressive Maßnahmen bekämpft werden können.  

Wo immer es möglich ist, werden Präventions- und Deradikalisierungsangebote gemacht. So sollen bei den Rückkehrenden Distanzierungs- und Ausstiegsprozesse angestoßen werden. Gleichzeitig wird das jeweilige Umfeld unterstützt, zum Beispiel durch Beratung.  Dabei übernehmen viele Akteurinnen und Akteure auf mehreren Ebenen verschiedene Aufgaben, von den Sicherheitsbehörden bis hin zu kommunalen Ämtern und Schulen.

Deradikalisierung Der individuelle Weg

Fachleute betonen, dass die freiwillige Mitwirkung der Rückehrenden die Voraussetzung für die Distanzierung von extremistischen Einstellungen ist. Eine „Deradikalisierung von außen“ funktioniere nicht. 

Für die erfolgreiche Distanzierungsarbeit ist es wichtig, die Beweggründe für eine Unterstützung des „IS“ zu verstehen. Zwar ist dies für Außenstehende meist schwer nachvollziehbar, doch den Rückkehrenden erschien ihre Ausreise jeweils sinnvoll und wichtig. Die Propaganda des „IS“ versprach eine bessere Gesellschaft und gleichzeitig bot die Ausreise die Möglichkeit, mit der Vergangenheit zu brechen und etwas Neues zu beginnen. 

Extremistische Gruppen locken neue Mitglieder dadurch, dass sie nicht befriedigte emotionale Bedürfnisse ansprechen. Diese sind individuell unterschiedlich, unter anderem gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede. Daher muss der Radikalisierungsprozess im Kontext der jeweiligen Lebensgeschichte der Rückkehrenden verstanden werden. Die Zugehörigkeit zum „IS“ konnte für manche zum Beispiel Halt, Orientierung und Gemeinschaft bedeuten. Sie konnte gleichzeitig auch eine demonstrative Abgrenzung von der Erwachsenenwelt beziehungsweise einer Gesellschaft sein, die als ablehnend empfunden wurde. Dies kann das Selbstwertgefühl stärken.

Auf der einen Seite gibt es also entsprechende Anziehungsfaktoren; auf der anderen Seite steht, dass viele Menschen Rassismus und Diskriminierung erfahren. Die Ideologie des „IS“ will ihnen vermitteln, dass sie und ihre Ängste ernst genommen werden. Sie argumentiert, dass in westlichen Gesellschaften das Leben der Musliminnen und Muslime gefährdet sei und zeichnet das Bild von einer alternativen Gemeinschaft, die sich gegen dieses Unrecht auflehnt.

Bei der Reintegration der Rückkehrenden wird daher der Blick auf die individuellen Problemlagen gerichtet. Die Arbeit mit ihnen umfasst zum einen Bildungsarbeit, um eine Distanzierung von menschenverachtenden Einstellungen anzustoßen. Zum anderen hat sie Elemente der Sozialarbeit. Sie zielt darauf ab, eine soziale Perspektive zu schaffen und Halt zu bieten.  Denn ein Mensch ist widerstandsfähiger gegen Beeinflussung durch extremistische Gruppen, wenn ihn wichtige „Säulen“ stützen. Das sind zum Beispiel intakte Beziehungen zur Familie, eine Schul- und Berufsausbildung und ein verlässliches soziales Umfeld.

Abstimmung der Akteure Wiedereingliederung muss geplant werden

Die Wiedereingliederung der Rückkehrenden ist ein Zusammenspiel einer Vielzahl von Akteuren, bei dem verschiedene Faktoren beachtet werden müssen. Neben Sicherheitsbehörden und speziellen Beratungsstellen sind weitere Akteure mit unterschiedlichen Aufgaben beteiligt. Vor Ort sind zum Beispiel Jobcenter oder Jugendämter gefragt. Häufig werden auch psychologische Fachkräfte hinzugezogen.

Um die Arbeit zu koordinieren, gibt es in Nordrhein-Westfalen die Rückkehrkoordination (RKK). Sie fungiert als Schnittstelle zwischen den verschiedenen Bereichen. Sie prüft zum Beispiel bei Rückkehrenden, von denen ein Sicherheitsrisiko ausgehen könnte, ob die Möglichkeit von Deradikalisierungsmaßnahmen durch das staatliche Aussteigerprogramm Islamismus (API) oder durch zivilgesellschaftlich organisierte Deradikalisierungsprogramme in Nordrhein-Westfalen besteht. Sie stellt zudem die Kommunikation zwischen den Beteiligten sicher und bringt bei Bedarf die betroffenen Akteure vor Ort am „runden Tisch“ zusammen.

Netzwerke Wer arbeitet in NRW mit Rückkehrenden?

Eine Reihe von spezialisierten Einrichtungen beschäftigt Fachleute, die mit Rückkehrenden arbeiten. Dazu gehört „Wegweiser Gemeinsam gegen Islamismus“, ein Präventionsprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen, das 25 regionale Beratungsstellen betreibt. Weiterhin besteht in Nordrhein-Westfalen das staatliche Aussteigerprogramm Islamismus (API), das sich an Personen richtet, deren Radikalisierung bereits weit vorangeschritten ist – bis hin zu einer Zugehörigkeit zum terroristischen Spektrum.

Geschulte Fachleute spielen eine zentrale Rolle bei der Wiedereingliederung der Rückkehrenden. Denn Voraussetzung für das Gelingen sind die Herstellung von Vertrauen und das Schaffen einer belastbaren Arbeitsbeziehung. Im Präventionsprogramm „Wegweiser“ zum Beispiel arbeiten Fachkräfte zusammen, die aus den Bereichen Pädagogik, Jugendarbeit und Sozialarbeit oder aus dem Bereich der Islam- und Sozialwissenschaften kommen. Durch ihre Expertise in den Bereichen Islamismus und Radikalisierung können sie die unterschiedlichen Hintergründe und Motive der Rückkehrenden einschätzen und sind für mögliche Gefahren sensibilisiert.

Mit dem Aussteigerprogramm Islamismus (API) bietet Nordrhein-Westfalen den Rückkehrenden professionelle Hilfe an. Ziel ist, dass sie sich von ihrer bisherigen extremistischen Vergangenheit lossagen, sich wieder in unsere demokratische Gesellschaft eingliedern und neue Perspektiven erarbeiten. Ausstiegsprozesse dauern lange und sind zum Teil schwierig. Die Rückkehrenden, die am Programm teilnehmen, werden bei der sozialen Stabilisierung sowie bei der Aufarbeitung der extremistischen Ideologie von einem multiprofessionellen Team unterstützt.